Buchprojekt


„Wellenreiter“

… „In „Nosferatu“ gibt es eine Szene, in der der Immobilienhändler Hutter dem Grafen Orlok in dessen Schloss folgt, mit der Aussicht auf einen lukrativen Abschluss. Plötzlich zögert er. Er hat Angst. Mein Großvater, der Hutter spielte, offensichtlich auch. Man sieht es in dem Hollywoodfilm „Shadow of a Vampire“ in dem es um die Dreharbeiten zu Nosferatu geht. Hutter steht wie angewurzelt vor dem Eingang des dunklen Ganges, an dem Orlok auf ihn wartet. Die beiden Kameras laufen, Murnau persönlich dreht die Kurbel. Er treibt seinen Schauspieler zur Höchstleistung an: „Folge dem dunkeln Loch. Dem schwarzen Tunnel. Der unerforscht geblieben ist. Unberührt. Seit Ewigkeiten. Und dann, eines Nachts, kommt etwas herausgekrochen.“ Das Team starrt gebannt auf Hutter, der immer noch unfähig ist, sich zu bewegen. Dann endlich gibt er sich einen Ruck und folgt Orlok. Was hätte er auch anderes tun können? Wegrennen? Wohin?“ …

… „Aus dem unscheinbaren Dörfchen Ablain-Saint-Nazaire im sumpfigen Tal der kargen Landschaft der französischen Deûle liefen brennende Ziegen über die verdorrten Weiden. Gefolgt von einem halbnackten Geistlichen, der mit erhobenen Händen aus der einsam emporragenden Dorfkirche Notre-Dame de Lorette rannte. In Ablain-Saint-Nazaire, das sich wenige Kilometer hinter der Frontlinie befand, hatte das deutsche Ersatzbataillon unter dem Kommando des Feldwebel-Leutnants Türgabel Stellung am Ufer der Deûle bezogen. Nur wenige Kilometer entfernt, auf der anderen Seite des Flusses, saß der Feind.  Ein dunkelhäutiges Volk, das sich aus Weinbauern und barfüßigen Hirten der südfranzösischen Provence zu einem Regiment der französischen Armee formiert hatte. Diesseits des Flusses war die Lage unübersichtlich. Dorfbewohner rannten aus ihren Häusern und Ställen und schossen aus sperrigen Gewehren ziellos in die Lüfte. Schreiende Frauen trieben Hühner und Kinder zwischen qualmenden Pferdekadavern über die Kartoffelfelder. Ein schwarzes glänzendes Pferd drohte, zu sterben.“ …

… „1936 reiste der Regisseur Ernst Lubitsch mit seiner Frau nach Moskau und traf meine Großeltern im Hotel Metropol und in ihrer Gemeinschaftswohnung. Er war schockiert, seinen alten Freund, den Burgschauspieler und Ufa-Star, mit dem er zusammen in Berlin Filme gedreht hatte, in solchen Umständen anzutreffen und sagte etwas, das meine Großmutter noch dreißig Jahre später Wort für Wort im Gedächtnis behalten hatte. „Weißte Justav, die Sache ist doch so – mein Vater war ein kleiner galizischer Armeeschneider, hat unterm Zaren jelebt, hat mir zuhause in Berlin oft davon erzählt. Det war bestimmt hier früher mal sehr dreckig und zurückjeblieben. Und wenn die Arbeiter heute sehn, wat der Schtalin aus dem alten Russland jemacht hat, und der vor se hintritt und fragt, ob es ihnen jefällt, denn ist da gar kein Zweifel, det die sagen,‘jawoll, det jefällt uns! Aber für unsereinen?“

… „Ich stellte mir die Nacht vor, nachdem Lubitsch meine Großeltern allein gelassen hatte. Der Zigarrenrauch musste noch in der Luft gehangen haben, in der Flasche Champagner noch ein Rest übrig geblieben sein. Lubitsch musste ihnen als jemand erschienen sein, der nach einer fabelhaften Nacht, von der man hoffte, dass sie nie enden wird, ohne anzuklopfen ins Zimmer stürzt, den Vorhang beiseite zieht und das Fenster aufreißt. Das Licht brach gnadenlos herein, meine Großeltern rieben sich die Augen und sahen sich um. Mich interessierte, ob einer von beiden zugab, dass sie sich geirrt hatten. Dass die Sowjetunion, nicht das „Vaterland aller Werktätigen“ war, nicht ihre‚ „wahre Heimat eines Kommunisten“ und nicht nur „eine große, eine befähigte, eine furchtlose Nation“. Sondern auch die Falle, in der sie nun saßen.“…

©Laura von Wangenheim

 

  INTERVIEW ZUM THEMA